Bannière

Porträt : Claude Viallat

Nach einigen Gesprächen mit seinem Enkel hatten wir das Privileg, Claude Viallat kennenzulernen, den Schöpfer der beeindruckenden Glasfenster der Kirche Notre-Dame-des-Sablons in Aigues-Mortes. Als Maler, Gründer der Bewegung Supports/Surfaces und unermüdlicher Erforscher von Farben und Materialien hat er sein Leben der Kunst gewidmet. Hier erzählt er seine Geschichte in einem außergewöhnlichen Gespräch.

Claude Viallat - Interview

Claude Viallat, der Künstler hinter den Glasfenstern der Kirche

Claude Viallat

► Wie sind Sie zur Kunst gekommen, und wie verlief Ihr Werdegang ?

Ich studierte an der Kunsthochschule in Montpellier. Nach einer Aufnahmeprüfung konnte ich im folgenden Jahr mein eigenes Malatelier eröffnen. Seit ich mit der Malerei begonnen habe, war mein Weg klar.

► Setzen Sie Ihre künstlerische Forschung noch heute fort ?

Ja, das versuche ich. Ich habe nie zwei identische Bilder geschaffen. Ich arbeite fast jeden Tag, und jedes meiner Gemälde oder Objekte ist anders.

► Gemeinsam mit anderen Künstlern erforschten Sie Materialien – daraus entstand die Bewegung Supports/Surfaces. War das eine spannende Zeit ?

Nicht immer. Anfangs interessierte sich niemand für unsere Arbeit. Da wir weder in Galerien noch in Museen ausstellen konnten, suchten wir andere Orte – vor allem im Freien. Wir arbeiteten sowohl für den Außen- als auch für den Innenraum, und nach und nach fand unsere Arbeit ihr Publikum.

Inspiration und künstlerischer Ansatz

► Woher kommt Ihre Inspiration ?

Ich habe keine Inspiration – ich arbeite. Ich nehme eine Farbe und arbeite mit ihr, dann eine andere und danach wieder eine andere. Ich gebe der Farbe keine symbolische Bedeutung. Ich nutze sie als Zeichen, als Wert und als Material.

► Wie würden Sie die Form beschreiben, die zu Ihrem Markenzeichen geworden ist ?

Eigentlich ist sie ein Fragment von etwas Größerem. Ich habe eine Form gewählt, die keine besondere Bedeutung hat. Sie ist weder symbolisch noch geometrisch, weder gegenständlich noch wirklich dekorativ. Es ist immer der jeweilige Untergrund, der die Farbe verändert, und ich akzeptiere diese Veränderung.

Jeder erkennt etwas anderes darin. Die Form verändert sich ständig, aber nur ganz leicht. Im Grunde bleibt sie immer dieselbe, und ich zeichne sie nie vollkommen exakt.

Claude Viallat - Atelier

► Arbeiten Sie mit einer Schablone ?

Ja, immer. Ich verwende eine Schablone – drinnen wie draußen. Mal ist die Form etwas kleiner oder größer, bleibt aber nahezu gleich. Das Material selbst verändert das Ergebnis. Ein unbehandelter Stoff saugt die Farbe zum Beispiel stark auf, sodass die Form verläuft oder fast verschwindet. Das akzeptiere ich. Für mich ist sie trotzdem da, weil sie am Anfang vorhanden war. Ich akzeptiere alle Zufälle.

► Verändern sich die Farben je nach Untergrund ?

Ja. Ganz gleich, welchen Stoff ich verwende – der Untergrund verändert die Farbe, und ich nehme diese Veränderung an. Am Ende bin ich selbst Zuschauer meiner eigenen Arbeit. Ich mache niemals Fehler, weil ich kein festes Ergebnis erzwingen will. Ich nehme an, was mir das Werk gibt. Deshalb kann ich mich nicht irren. Das ist zugleich anmaßend und bescheiden.

Aigues-Mortes, die Camargue und die Glasfenster

► Welche Verbindung haben Sie zu Aigues-Mortes und seinem Kulturerbe ?

Die Camargue gehört zu meinem Leben und ist die Landschaft, in der ich mich am wohlsten fühle. Es zieht mich eher ans Meer als in die Berge. Ich war oft in der Ebene zwischen Aubais und Le Grau-du-Roi unterwegs, um Stierrennen zu besuchen. Aigues-Mortes hat noch etwas Besonderes : Während des Stadtfestes wird dort eine der letzten traditionellen Plans gepflegt – ebenso wie in Aubais, dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Diese Tradition bedeutet mir viel.

► Wie kam es dazu, dass Sie die Glasfenster der Kirche Notre-Dame-des-Sablons gestaltet haben ?

Bernard Durand, damals Kulturdezernent in Nîmes, nahm Kontakt mit mir auf. Glasfenster reizten mich zunächst nicht besonders, weil ich dafür mit einem Glasmaler zusammenarbeiten musste. Ich konnte sie nicht selbst herstellen, und ich delegiere ungern.

Aigues-Mortes - Église Notre Dame des Sablons (intérieur)

► Hatten Sie zuvor bereits an religiösen Bauwerken gearbeitet ?

Ja, in Nevers. Ich konnte nicht ablehnen, weil ein Freund von mir, damals Kurator am Centre Pompidou, darauf bestand. Nachdem ich Nevers gestaltet hatte, konnte ich Aigues-Mortes nicht mehr ablehnen.

► Haben Sie die Farben der Glasfenster gemeinsam mit dem damaligen Pfarrer ausgewählt ?

Überhaupt nicht. Pfarrer Archet war ein wunderbarer, freundlicher und höflicher Mensch. Er bat mich sogar um ein Fenster, das den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist darstellen sollte. Ich antwortete scherzhaft : Vater blau, Sohn weiß, Heiliger Geist rot. Am Ende ist es das Licht selbst, das das Weiß entstehen lässt.

► War die Geschichte von Aigues-Mortes für Sie eine Herausforderung ?

Ja, durchaus. Ich bin Protestant, und Aigues-Mortes spielt in der Geschichte der Protestanten eine schmerzliche Rolle. Das war für mich nicht einfach, obwohl ich mit einer Katholikin verheiratet bin. Nicht die unterschiedlichen Religionen bereiteten mir Schwierigkeiten, sondern die Geschichte der Protestanten. Deshalb habe ich ein Glasfenster mit einem leicht schiefen Kreuz gestaltet – einem Kreuz, das ich als universelles Symbol verstanden wissen möchte.

Die Glasfenster – Gestaltung und Technik

► Wie haben Sie die Farben der Glasfenster gestaltet ?

Ich begann, mit Farben zu arbeiten, ohne ihnen eine symbolische Bedeutung zu geben. Glas ist das Medium, durch das das Licht von außen nach innen gelangt. Die Fenster mussten sowohl außen als auch innen wirken. Im Kirchenraum war es die Architektur selbst, die sie zum Leuchten brachte. Ich wählte die Farben ausschließlich nach den Farbtönen im Inneren der Kirche, der Farbe des Steins und danach aus, wie das Licht die verschiedenen Bereiche des Raumes einfärbt.

► Sie haben die Farben also danach ausgewählt, wie sie sich im Sonnenlicht auf dem Stein widerspiegeln ?

Genau. Was mich an Aigues-Mortes fasziniert, ist der starke materielle Eindruck der Fenster von außen – sie erinnern an altes Leder oder gebranntes Brot. Im Inneren entsteht dagegen eine harmonische Farbwelt. Ich habe jedes Fenster einzeln gestaltet und die Farben von Fenster zu Fenster verteilt.

Aigues-Mortes - Église Notre Dame des Sablons (intérieur)

► Gab es besondere technische Herausforderungen ?

Nein, denn ich arbeitete mit Meister Dhonneur zusammen, einem Glasmaler und Compagnon du Devoir, der außergewöhnlich kompetent war. Alles verlief hervorragend. Ich wollte eine Lösung finden, um auf Bleiruten zu verzichten. Er brachte die Triplex-Technik ein : drei übereinanderliegende Glasscheiben.

Dabei wird farbig beschichtetes Glas verwendet. Die Farbschicht wird mit Säure entfernt, sodass die Transparenz des Glases wieder sichtbar wird.

► Woraus besteht diese Beschichtung ?

Es handelt sich um einen Lack. Entfernt man ihn, wird das Glas wieder transparent. Das System besteht aus drei Glasscheiben : Liegt unten blaues Glas, in der Mitte klares Glas und oben rotes Glas, erscheint nach dem Entfernen der roten Schicht reines Blau. Entfernt man die blaue Schicht, erscheint reines Rot. Werden beide entfernt, bleibt das Glas transparent.

Alle Glasfenster in Aigues-Mortes wurden mit dieser Säureätztechnik gefertigt, die Meister Dhonneur für Glasfenster entwickelte und anpasste. Alle später gemeinsam entstandenen Fenster wurden ebenfalls auf diese Weise hergestellt. Es gibt überhaupt kein Blei.

► Haben Sie Elemente der alten Fenster übernommen ?

Ja, wir haben die metallenen Querstreben erhalten, die als Träger dienen. Besonders interessant ist in Aigues-Mortes, dass sich die Fenster auf Augenhöhe befinden. Dadurch wird die Materialität des Glases besonders deutlich.

Claude Viallat - Oeuvres

Die Rezeption und die Bedeutung des Werks

► Wissen Sie, wie die Einwohner und Besucher auf die Glasfenster der Kirche Notre-Dame-des-Sablons reagiert haben ?

Anfangs waren die Reaktionen sehr negativ. Heute, denke ich, haben sich die Menschen daran gewöhnt, und die Fenster werden viel besser angenommen. Wenn ich nach Aigues-Mortes komme, halte ich immer an, um sie mir anzusehen.

► Welche Rolle spielt Kunst Ihrer Meinung nach in einem Gotteshaus ?

Ich denke, sie sollte zum Nachdenken, zur Besinnung und zur Meditation anregen. Sie sollte den Menschen helfen, in sich zu gehen, und vor allem Ruhe vermitteln, anstatt Konflikte zu schaffen.

Welche Botschaft möchten Sie mit Ihrem Werk an zukünftige Generationen weitergeben ?

Ruhe und Gelassenheit.

Wie würden Sie sich wünschen, dass man in einigen Jahrzehnten über Ihre Glasfenster spricht ? 

Dass man sie betrachtet.

Claude Viallat - Interview

Alle Rechte vorbehalten – Vervielfältigung, Verbreitung oder Nutzung ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Fremdenverkehrsamtes untersagt.

0